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11.10.2022

Ö1 >> der Kahlschlag

Ein Standard-Artikel zu Einsparungen bei Ö1 sowie ein Standard-Interview vom 30. September 2022 mit der ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher über eine mögliche Zukunft von FM4 und Ö1 haben viel Staub aufgewirbelt und für einen großen Aufschrei innerhalb der österreichischen Kunst- und Kulturszene gesorgt. Von drastischen Einsparungen bis hin zur Einstellung von bedeutenden Ö1-Sendereihen und Formaten (ZEIT-TON, Ö1 JAZZ Nacht, Lange Nacht der Neuen Musik, Kunstradio) ist die Rede. Auch die Rolle von FM4 soll vollkommen neu definiert werden. Ein großes Fragezeichen steht auch hinter demvom  ORF produzierten musikprotokoll im steirischen herbst. Die Aufregung und Unsicherheit sind daher groß. Mittlerweile wurden mehrere offene Briefe von prominenter Seite an die Leitung des ORF gerichtet, mit der Aufforderung Abstand von den verlautbarten Plänen zu nehmen und ein klares Bekenntnis zum Fortbestand von FM4 und Ö1 als Kunst- und Kultursender zu geben. Um ein etwas klareres Bild zu geben, hier eine Auflistung relevanter Beiträge zum Thema.
OFFENE BRIEFE / PETITIONEN
Petition der Musikergilde  

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Protest gegen die Zerstörung unserer Musikkultur (5.10.2022)
Petition von Herwig Zamernik (Fuzzmann): 

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Die österreichische Kunst- und Kulturszene fordert ein klares Bekenntnis zum Fortbestand von FM4 und Ö1 (3.10.2022)
Petition des Klangforum Wien: 

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Erhalt des österreichischen Musiklebens – Einladung zum Dialog [de/en] (3.10.2022)
Offener Brief der Austrian Composers Association: 

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Erhalt der zeitgenössischen österreichischen Komposition – Einladung zum Dialog (4.10.2022)

Einsparungen Ö1 2023
€ 900.000 gesamt
 
Von der Radiodirektion vorgegebene Kürzungen von Musiksendungen im Bereich der zeitgenössischen, österreichischen Musikproduktion ab 1.1.2023:
 
Betrifft:
Zeit-Ton (Montag bis Freitag, 23.03 bis Mitternacht)
Wird dieses Programm abgeschafft, fallen 260 Stunden Zeit-Ton im Jahr weg.
Das betrifft insgesamt 3.900.000 Hörer/innen pro Jahr, weil laut Radioforschung bei Zeit-Ton mehr als 15.000 Hörer/innen täglich pro Spätabend zuhören.
 
Betrifft:
Ö1 Jazznacht
Soll reduziert werden auf einmal monatlich statt einmal wöchentlich 7 Stunden.
Bisher 364 Stunden Sendezeit pro Jahr, nach der Reduktion sind es nur mehr 84 Stunden pro Jahr, das heißt Entfall von 280 Stunden
 
Betrifft:
Lange Nacht der neuen Musik
5mal im Jahr mit 7 Stunden ergibt 35 Stunden, die jetzt ebenfalls entfallen
 
Insgesamt fallen also pro Jahr 575 Stunden zeitgenössischer, großteils österreichischer Stunden Sendezeit für Jazz und Musik weg.
 
Das Eliminieren von Zeit-Ton und Jazznacht – ergibt insgesamt eine jährliche Einsparungssumme von bloß € 197.000.
 
Ö1 muss alljährlich, wie alle ORF-Programme, minutengenaue Aufstellungen über die Präsenz österreichischer, zeitgenössischer Musikproduktion abliefern. Bisher war Ö1 nicht zuletzt wegen Zeit-Ton und Jazznacht eine verlässliche „Bank“ in dieser Quotenaufstellung. Das wird – für die ORF-Radios – traurige Geschichte sein, wenn diese Maßnahmen umgesetzt werden. 
 
Das ORF Musikprotokoll im steirischen herbst ist in Frage gestellt.
 
Was hier noch gar nicht ausgeführt ist, ist der Kahlschlag für eine ganze wirtschaftliche Wertschöpfungskette, die mit der Produktion all dieser Musik zu tun haben:  Verlage, Labels, Konzerthäuser, Jazzclubs, Ensembles, Orchester, Musiker/innen et cetera
 
Ö1 als größter Konzertsaal Österreichs und einer der wichtigsten in Europa wäre danach nicht wiederzuerkennen. Auch die EBU als internationaler Multiplikator für das österreichische Musikschaffen fällt weg.
 
Jazz und zeitgenössische Musik aus Österreich – Komponierende UND Interpreten – sind international überproportional erfolgreich und all das korreliert mit und hängt unter anderem ab von der reichhaltigen Arbeit in den jetzt gefährdeten Musikprogrammen von Ö1.
 
Bisher hatte der Jazz und improvisierte Musik zweifelsohne einen bedeutenden Stellenwert in Ö1 ( wenn auch oft für Nachtschichtarbeiter )!  Das wird nunmehr radikal beschnitten !

Der ORF und Ö1 sind ja nicht irgendwelche Sender, sondern Teil der intellektuellen und kulturellen Landschaft Österreichs. Ö1 ist nicht nur ein „Festspielsender“ mit Musiksendungen im Hochglanzformat, sondern einer der wenigen Orte öffentlicher intellektueller Debatte. Die geplante Streichung von Sendungen mit diskursivem, intellektuellem Anspruch ruiniert die von der politischen Klasse in Österreich ohnedies vernachlässigte Fähigkeit zu kritischem Nachdenken noch einmal mehr. Der öffentlich-rechtliche Auftrag gilt nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Mit diesen Streichungen wird das Recht auf Bildung von Erwachsenen und Kindern - auch Kinder haben Rechte! – beschädigt.
Wenn international renommierte Musiksendungen wie „Kunstradio – Radiokunst“, „Zeit-Ton“ und „Jazznacht“ abgeschafft werden, ist das ein tiefer Einschnitt in die Kunst- und Kulturszene Österreichs. Betroffen sind ja nicht nur die Hörerinnen und Hörer, sondern ganz wesentlich die Lebens- und Überlebensmöglichkeiten der Kulturschaffenden, wie das z.B. die „Austrian Composers Association“ der Bundesregierung und der ORF-Führung vorrechnet.
Vielleicht ist all dies nicht verwunderlich. In Österreich werden Kultur und Wissenschaft nicht wirklich ernst genommen. In den Covid-Regeln etwa wurden Bibliotheken und Museen ernstlich auf dieselbe Stufe gestellt wie – Bordelle: als Orte der Unterhaltung.


K wie Kahlschlag

Weit voraus diesen Kahlschlagbestrebungen der Ö1 Programmdirektion ist das Landesstudio Kärnten ! Da existieren Musikrichtungen wie zeitgenössischer Jazz und improvisierte Musik schon scheinbar überhaupt nicht mehr ! Sie werden sagen , das ist ja ein Regionalprogramm ohne intellektuellen Belästigungsauftrag , aber die anderen Bundesländer können es …fast alle haben regelmäßige Jazzsendungen , nicht nur mit regionalen Musikern im Programm ! Jedenfalls wird auch umfangreich vorberichtet und auch Nachlesen gesendet !
 In Kärnten Fehlanzeige !
Das Kulturforum versorgt schon seit Jahren das Landesstudio mit allen Informationen zu den Konzerten und versuchte auch im heurigen Sommer zu erreichen , dass Berichte von der Jazzhochburg Kärnten gesendet werden ! Musiker wären auch mit Aufzeichnungen ihrer Konzerte ohne Gage ( !!!gratis für ORF ) einverstanden gewesen !
Reaktion auf das Ansinnen >> NULL
Daraufhin schrieb ich im August 22 an die Landesdirektorin , dem Chefredakteur und der Kulturredaktion diesen Email :

Sehr geehrte Damen und Herren!
 
Das Kulturforum Villach veranstaltete in den Monaten Juli und August die Veranstaltungsreihe „Jazzhochburg Kärnten“. In vier Burgen (Taggenbrunn, Gmünd, Glanegg, Landskron) fanden 10 Konzerte mit internationalen und nationalen Jazzgrößen statt. Erstmals war auch die gesamte Kärntner Jazzelite vertreten. Weltstars des Jazz spielten gemeinsam mit ihnen wie u.a. Ron Carter, Silvia Bolognesi, David Murray, Hamid Drake, Gabriele Mirabassi und Enrico Pieranunzi. Ziel dieses Projektes war es, die gegenwärtige Kärntner Jazzszene nachhaltend und vertiefend einem breiteren Publikum vorzustellen. Dies ist auch gelungen.
Nahezu alle Konzerte waren ausverkauft und fand auch in den Kulturredaktionen der Zeitungen entsprechenden Niederschlag.
Leider vermissten wir jedoch eine Ankündigung bzw. Bericht- und Nachberichterstattung des ORF Kärnten über dieses Festival. Es hätte uns sehr gefreut, wenn uns vor den jeweiligen Veranstaltungen Gelegenheit gegeben worden wäre, die Veranstaltung vorzustellen bzw. eine Nachberichterstattung zu machen. Solche Weltstars des Jazz sieht man kaum in Kärnten und hätte die Berichterstattung Ihrer Hörerschaft auch gefallen.
Wir dürfen Sie höflich ersuchen, uns bekanntzugeben, warum eine solche Berichterstattung – von anderen Festivals wird umfangreich berichtet – nicht stattgefunden hat, zumal wir auch die entsprechenden Informationen der Kulturredaktion zur Verfügung stellten.
Das Kulturforum veranstaltet pro Jahr ca. 25 – 30 Jazzkonzerte. Wir haben bereits mehrfach den Versuch unternommen, dass eines dieser Konzerte vom ORF übertragen wird. Leider haben wir bis heute weder eine Antwort noch eine Stellungnahme hiezu erhalten.
Vielleicht wäre es möglich, noch im Herbst 2022 oder nächsten Jahr eine Übertragung zu ermöglichen.
Mit Interesse Ihrer Stellungnahme entgegensehend bleiben wir
 
mit freundlichen Grüßen
 
Reaktionen :
 
Die Landesdrektorin löschte das mail, ohne es gelesen zu haben !
 
Chefredakteur gelesen, Antwort keine
 
Kulturredaktion gelesen , Reaktion keine

 
Ein solches Verhalten reiht sich zwar in die derzeit vielerorts herrschende Gepflogenheit , Mails nicht zu beantworten , ein , kein Problem , aber wie läßt es sich mit der prächtigen Aussage des Marketingleiter des ORF  vereinbaren , der bei der Eröffnung der langen Nacht der Museen wortwörtlich sagte :
 
In Vertretung von ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard sagte Marketingleiter Claudio Ghidini, dass es der ORF als seinen Auftrag ansehe, Kulturinitiativen zu fördern. ( Aussendung ORF )

Es ist wirklich ungeheuerlich und beschämend ! Nicht nur Ö 1, sondern auch das Landesstudio Kärnten hat einen  öffentlich-rechtlichen Auftrag im Bereich Kunst und Kultur und  der nicht ein  bloßes Lippenbekenntnis sein soll !

Gerne würde ich Ihre Meinung dazu hören  , insbesondere

Welche Bedeutung haben die beiden Sender Ö1 und FM4 für Sie ?

Was verbinden Sie mit den Sendereihen ZEIT-TON, Ö1 JAZZ Nacht, Lange Nacht der Neuen Musik, Kunstradio?

Wie beurteilen Sie die bekannt gewordenen Pläne und welche Auswirkungen hätten sie auf Ihre Person?
Antworten bitte an kulturforum@jalovetz.at

Ihr Hans Jalovetz
 
Die nächsten Konzerte des Kulturforum :

JOE MORRIS / WILL GREENE / RAF VERTESSEN


 
KUHN FU
 
Dienstag, 25.10.2022, 20.00 Uhr, Kulturhofkeller, Lederergasse 15, Villach
 
 
Christian Kühn (DE) – guitar, voice, composition
John Dikeman (USA) – tenor saxophone
Ziv Taubenfeld (ISR) – bass clarinet
Sofia Salvo (ARG) – baritone saxopohne
Esat Ekincioglu (TR) – bass
George Hadow (UK) – drums

 
Nicht nur der Bandname ist martialisch. Bei ihrer „paranoiden Prog-Punk-Jazz-Performance“ dreht das Quintett KUHN FU des Gitarristen und Conferenciers Christian Achim Kühn alles durch den improvisatorischen Wolf. Zappa trifft Kabarett, Surf-Sounds und Metal-Riffs reiten den Chattanooga Choo-Choo, während Shakespeare, Brecht und Monty Python Pate stehen. 
"Dazu spielt die multinationale Combo ihren Jazz so entspannt wie Musiker, die gerade auf einem Kaktus kauen, während sie sich mit einer Käsereibe die Kopfhaut massieren." Augsburger Allgemeine
...so könnte man Kuhn Fus Musik beschreiben: "als ein temporeiches, manchmal atemberaubenden Metal-Jazz-Kabarett. Eine musikalische Pointe jagt die nächste." Hans-Jürgen Schaal 
"Ein unterhaltsames Chaos, eine präzise organisierte Aktion, die man am besten live erlebt – und zur Erinnerung gibt's dann die Konserve für das heimische Sofa." Jazzthing 
"Die Band um Gitarrist Christian Kühn setzt auf Stil Duelle, wie einst US-Saxofonist John Zorn, wuchtig tönt das" Der Standard